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Einführungsvortrag von Herrn Jansen vom 7. Oktober 2009

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Eltern,
liebe Schüler,
liebe Gäste,
lieber Herr Professor Huber,

ich heiße Sie und Euch in der Mensa unserer Schule zum Auftakt der Vortragsreihe anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Zweiten Städtischen Gymnasiums herzlich willkommen.

Bevor ich Herrn Professor Huber bitte, uns mit seinem Vortrag über die Faszination und Wirkung von Computerspielen einen Einblick in die virtuelle Welt zu geben, in der sich viele Kinder und Jugendliche zeitweise aufhalten, möchte ich kurz einige Anmerkungen zur Zielsetzung dieser Vortragsreihe machen.

Zehn Jahre ZSG – das heißt auch zehn Jahre gravierender Veränderungen in der Bildungspolitik und in der Entwicklung von Schulen. Das hat das ZSG natürlich auch betroffen.

Schule halten wird heute zunehmend anders definiert als früher, ist mit anderen Zielen und Erwartungen verbunden als bisher. Was in den letzten 10 Jahren mit den Schulen geschehen ist, lässt sich nur verstehen, wenn man zugleich einen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen wirft, auf die Schulen mit ihren Möglichkeiten und Mittel reagieren. Denn die gesellschaftlichen Veränderungen wirken über die Familien und die Kinder mit ihren spezifischen Erwartungen und Voraussetzungen als neue Aufgaben in die Schule hinein.

Unsere Vortragsreihe steht in diesem Zusammenhang und soll Impulse für unsere tägliche Arbeit geben, um mit den neuen Aufgaben besser fertig zu werden.

Einige Überlegungen sollen das verdeutlichen:
Als Schule müssen wir uns – wie alle anderen auch – damit auseinandersetzen, dass wir vielleicht mehr als früher – in jedem Fall aber offensichtlicher, spürbarer - mit den Folgen einer gesellschaftlichen Entwicklung konfrontiert sind, durch die die Voraussetzungen für unsere Arbeit (z.B. die spezifischen Verhaltensweisen und allgemeinen sozialen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler)  nicht mehr ohne Weiteres mit in die Schule gebracht werden.

Es ist sicher nicht gerechtfertigt, daraus eine pauschale Krisenstimmung abzuleiten. Wir sehen am ZSG  täglich – und darüber freuen wir uns, dafür sind wir sehr dankbar - , dass der übergroße Teil unserer Schülerinnen und Schüler neugierig und sozial verantwortungsbereit ist, einfühlsam und respektvoll miteinander umgeht.

Dennoch möchte ich betonen, dass der normale Schulbetrieb bereits durch zunehmend mehr junge Menschen mit auffälligem Sozial- und Lernverhalten in den Klassen beeinträchtigt wird und viel Energie dadurch gebunden ist, dass wir darauf reagieren müssen. Disziplinierend und helfend.

Wir haben es insofern mit deutlich veränderten Schülerinnen und Schülern, zudem in einer anderen Größenordnung als früher, zu tun. Das wiederum verstehe ich als Folge eines rasanten gesellschaftlichen Wandels.

Einige unsystematische Stichworte sollen umreißen, was ich meine:

  • Es wird seit Jahren eine zurückgehende Erziehungskraft der Familien beobachtet und beklagt.
  • Oft müssen beide Eltern arbeiten, und haben wenig Zeit für ihre Kinder
  • Wir beobachten Konzentrationsprobleme und fehlende Durchhaltekraft bei zunehmend mehr Kindern
  • Es gibt fehlende Frustrationstoleranz mit der Folge aggressiver oder depressiver Reaktionen
  • Wir sind bei manchen Kindern sprachlos angesichts deren kaum ausgeprägter Fähigkeit zur Empathie, zum Einfühlungsvermögen. Wir sind oft mit einem erschreckenden Umgangsstil konfrontiert.
  • Immer wieder auch stellen wir eine zurückgehende Bereitschaft fest, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen
  • Kinder erfahren eine starke Prägung ihrer Wahrnehmung durch Bilder und digitale Medien, die den Zugang zum Wissen über Sprache und Texten (und damit zum Bildungsgut und Aufgabenbereich der Schule) zunehmend erschwert.
  • Kinder und Jugendliche orientieren sich an Vorbildern aus Film, Fernsehen und digitalen Medien, deren Prägewirkung uns nicht gefällt – mehr noch: die wir nicht gutheißen können. 
  • Auch spüren wir immer wieder  deren Ängsten vor Beanspruchung und Leistungsversagen,
  • auch deren Sorgen um ihre Zukunft,
  • oft auch Hilflosigkeit im Umgang mit den schulischen Erwartungen

Auf all das müssen wir reagieren, all das müssen wir aufgreifen. Wir sind als Schule nämlich nicht der Ort, an dem möglichst unbeeinflusst von der Umwelt Lernen stattfindet – quasi im sterilen Raum des Labors. Das gab es allenfalls in den Klosterschulen des Mittelalters…

Wir als Schule, als Gruppe von Erwachsenen, deren Aufgabe es immer schon ist, den jungen Menschen das Rüstzeug für ein gelingendes Leben mitzugeben, sind anders gefordert als noch vor ein, zwei Jahrzehnten.

Wir sind nicht mehr nur als Wissensvermittler, sondern als Erzieher mit klaren Normen und Verhaltenserwartungen, mit Einfühlungsvermögen und eigener Konfliktfähigkeit und Nervenstärke gefordert. Das ist mühsam und kann nur gelingen, wenn wir dabei die Unterstützung der Eltern und  der politisch Verantwortlichen haben.

Ich wünsche mir, dass wir uns der Herausforderung stellen

  • als Lernbegleiter, Lernhelfer, Lernberater, die den Schülerinnen und Schülern dabei helfen, ihre eigenen Lernwege zu suchen und zu finden,
  • als erwachsene Gegenüber, die dabei helfen personale Kompetenzen (von Durchhaltekraft über Empathiefähigkeit bis hin zur Verantwortungsfähigkeit) zu entwickeln und Schüler zu ermutigen und zu stärken.
  • als Institution, die die Rahmenbedingungen, den Raum, die schulische Kultur für eine gelingende Entwicklung der uns anvertrauten jungen Menschen  schaffen muss.

Das ZSG stellt sich dieser Aufgabe mit einem engagierten Kollegium. Diese Vortragsreihe kann in diesem Zusammenhang als ein weiterer Baustein verstanden werden. Sie greift einige der angesprochenen Themen auf und möchte einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit neuen Aufgabenfeldern der Schule leisten.

Sie kann unsere Wahrnehmung für die Herausforderung schärfen und unsere eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln.

Stellen Sie sich als roten Faden der Vortragsreihe folgende Frage vor: Was müssen Lehrer und Eltern wissen, können und tun, um den individuellen Lern- und Entwicklungsweg der jungen Menschen zu begleiten und ihre Fähigkeit zum selbstverantwortlichen Lernen, Arbeiten und Leben zu stärken?

Wenn wir am Ende für diese Frage sensibilisiert sind und die Einsicht gestärkt ist, dass sie in den Mittelpunkt unserer Arbeit gehört, dann wird sich diese Vortragsreihe gelohnt haben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 
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